Erfolgreiches Marathon-Debüt in Luzern

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt, und der uns hilft, zu leben.“ Entgegen meiner Annahme, dass ich erst nach dem Zieleinlauf nicht mehr Herr meiner Emotionen sein würde, sollte sich das obige erlesene Zitat von Hermann Hesse in emotionaler Hinsicht bereits vor dem Start zu meinem allerersten Marathon bewahrheiten. Der Sonnenaufgang war traumhaft, es bahnte sich ein wunderschöner Tag an und ich schweifte 10 Minuten vor dem Start – mit der motivierenden Stimme des Speakers als Hintergrund-Sound – für einen kurzen Moment ab in die Vergangenheit und sah mich selbst vor fast genau 3 Jahren, im November 2016. Damals war ich noch übergewichtig und wog 100kg und begann – damals mitten im Schneegestöber - endlich regelmässig zu joggen, um einen ersten kleinen Schritt aus meiner damaligen Depression heraus zu wagen. Und jetzt – 3 Jahre später - stand ich also hier am Start der Königsdisziplin, dem Allerbesten, was dieser Sport zu bieten hat. Wahnsinn! Nun begab ich mich also auf diese Reise und startete hochmotiviert in den bisher längsten Lauf meines Lebens. Die zahlreichen Zuschauer und Musikgruppen verwandelten die Stadt Luzern in Sachen Stimmung in einen Hexenkessel, sodass ich mich zu einer zu schnellen „Startrunde“ verleiten liess. Ich flog förmlich dahin. So erwies sich meine Ausgangslage nach den ersten 21km als dermassen verheissungsvoll, dass ich so richtig zu träumen begann. Einzelheiten dazu seien der Leserschaft an dieser Stelle erspart. Doch nach 25km wurden meine Beine und Oberschenkel auf einmal bleischwer, was für mich ein absolutes Novum darstellte. Gimme a break! Unter normalen Umständen – sprich in einem klassischen Training - hätte ich diese Angelegenheit sofort abgebrochen. Die leicht-mittel coupierte Bergpassage nach Horw empfand ich in der Folge als schier endlos. Immerhin gelang es mir, stets in Bewegung zu bleiben und kein einziges Mal anzuhalten. Doch selbst der groovige Vibe der lautstarken Bon-Jovi-Mischpoke irgendwo bei St. Niklausen herum verhalf mir – im Gegensatz zum ersten Durchgang - nur zu einem äusserst kurzfristigen Boost. Die Guggemusik beim 30. Km kurz vor Hinderrüti brachte zudem die Ballade „Scharlachrot“ zu Gehör, was mein Berner Herz selbstverständlich höher schlagen liess. Letzten Endes führte im zweiten Durchgang die genau richtige Mischung aus vorwiegend rennendem Humpeln, meiner herausragenden mentalen Stärke und dem ausserordentlich stimmungsvollen Publikum dazu, dass ich nach 3h 20 Min und 39 Sekunden doch noch im Ziel aufkreuzte, wenn auch mit höllischen Schmerzen. Im zweiten Teil des Marathons bezahlte ich ordentlich Lehrgeld, und das ist gut so. Wie im Prolog dieses Berichts angedeutet, verfügte ich über diese Distanz bisher noch über keine Erfahrung. Schlussendlich konnte ich mein einziges Ziel, nämlich den Marathon zu finishen, dennoch auf beeindruckende Art und Weise erreichen. And nothing else matters.

 

 

Text: Niccolo von Siebenthal