Grand Prix von Bern in Zeiten von Corona

Wie Rita und Angelo den Grand Prix 2020 doch noch gemacht haben.

 

Der Grand-Prix von Bern – das Jahresziel für viele Bernerinnen und Berner und für viele STBler. Wochenlang trainiert man hart auf dieses Ziel hin. Die persönlichen Erwartungen sind hoch. Trainieren. Fokussieren. Und dann – die Absage! Riesige Enttäuschung macht sich breit. Man fühlt sich traurig, verloren… alles war umsonst… Aber war wirklich alles umsonst?

 

Die Motivation muss weitergehen – ganz nach dem Motto „never stop running“! Aber kann man die Motivation in dieser Situation hochhalten? Wir entdecken ViRace: modernes Laufen. Laufen zu Corona-Zeiten. Die Nachricht dieser Lauf-App verbreitet sich rasch in den sozialen Medien. Auch auf unserem STB-Laufgruppen-Chat. Innert kürzester Zeit registrieren sich hunderte von Läuferinnen und Läufern für die 10 Meilen. Auch bekannte Grössen wie Viktor Röthlin und Dario Cologna! Also – wenn die das machen, machen wir das doch auch! Am Schluss sind über 1500 Teilnehmer/innen angemeldet. Es muss einen zweiten Startblock geben: einer um 10h, einer um 16h. Angelo, Rita und Pesche stimmen sich ab. Wir starten um 10h. Und tracken uns gegenseitig als „Favorit“.

 

Die Vorbereitung

Ich trainiere und esse genauso, wie ich es in Vorbereitung auf den echten Grand Prix tue. Die Empfindungen sind die gleichen und die Leidenschaft wächst. Ich möchte unbedingt den traditionellen Weg gehen, und ich entscheide mich dafür, symbolisch von der Schönau aus zu starten.

Endlich ein Ziel vor Augen! Das schöne Gefühl, sich selber wieder mal „testen“ zu können. Und real gegen andere laufen zu können! Wie das wohl gehen wird? Das Training geht nun also richtig weiter. Und ich überlege mir, welche Strecke ich rennen will. Es soll ja trotzdem eine Herausforderung sein!

 

Endlich der Tag

Der Tag ist endlich gekommen. Das Ankleiden ist die gleiche Zeremonie wie bei den grossen Läufen. Ich erreiche die Schönau schnell mit dem Fahrrad und benutze die Kopfhörer, um die Renndirektion zu hören und mich aufzuwärmen. Mein Herz schlägt kräftig.. Go Go Go GO, los geht's.

Ich kann es nicht glauben – ich bin tatsächlich nervös! Noch das Handy vollladen, Akku checken und auf die richtige Verpflegung am Morgen achten. Das STB-Laufshirt anziehen, die Schuhe richtig binden, aufwärmen. Dann endlich… zur virtuellen Startlinie gehen, Kopfhörer montieren, warten auf den Start.

 

Der Lauf

Der Blick auf die Strasse, das Ohr an den Kopfhörern. Die Rennleitung sagt mir, dass Rita wegläuft. Sogar Pesche liegt vorn, und ich habe schon nach wenigen Minuten Mühe: Liegt es an der Steigung? Die Abstände, die kommuniziert werden, ändern sich ständig - wir befinden uns wirklich im Wettbewerb! Ich vermisse die Zuschauer, die Musik am Wegesrand, aber alles ist so authentisch. Und hier vor mir ist der Aargauerstalden...

Los geht’s! Volle Konzentration auf die Durchsagen, welche aus dem Kopfhörer kommen. „Meine“ virtuelle GP-Strecke beginnt mit rund 500m bergab. Ich starte etwas zu schnell. Wie fast immer beim GP… Nach etwa 10 Minuten bin ich voll im „Renn-Modus“ angekommen. Es gelingt mir, mich selber zu pushen. Aber noch vielmehr pusht mich die nette Stimme aus dem Ohrstöpsel, welche mir immer die Zwischenzeiten meiner „Favoriten“ durchgibt. Ich laufe Richtung Worblaufen an die Aare, zum Bärengraben und dann natürlich den Aargauerstalden hoch. Der muss sein! Die Menschen und die Stimmung fehlen mir – aber die Stimme im Ohrstöpsel ist omnipräsent.

 

Das Treffen

So ein Zufall! Unsere Wege kreuzen sich nach ca. einer Stunde beim „echten“ Start des GP’s! Dabei laufen wir beide vollkommen andere Strecken! Seltsamer Effekt, aber auch der Eindruck eines Freundes, der diese Erfahrung gerade gleichzeitig mit dir erlebt. Wir winken uns und rufen uns Motivation zu!

 

Das Ziel

Ich habe das Gefühl, Rita ist weit voraus. Ist sie fertig? Pesche liegt nahe. Eine letzte Anstrengung, ich kann jetzt wirklich nicht aufgeben. Es ist endlich vorbei. Ich bin erschöpft, aber glücklich. Es war ein echtes Rennen, leidenschaftlich, mitreissend.

Die Beine werden langsam schwer. Der Atem ebenfalls. Angelo holt auf – ich muss weiter Gas geben!! Weil meine geplante Strecke nicht ganz aufgeht mit den 10 Meilen vom GPS muss ich noch eine Ehrenrunde anhängen. Die schlaucht mich… Und dann - die Stimme im Kopfhörer gratuliert mir zur Überquerung der Ziellinie. Tolles Gefühl! Aber irgendwie auch seltsam. Wo sind die Bananen? Wo das Iso-Star? Wo die vielen Menschen?

 

Ein virtuelles Rennen... welches virtuelle Rennen? Man läuft, man leidet, man freut sich, man fühlt sich mit denen zusammen, die mit uns laufen. Es ist sicher nicht dasselbe. Es ist anders. Aber für uns war es absolut ein Erfolg!

 

Text und Bilder: Rita Portner/Angelo Mathys